Entwickler haben zumeist Aversionen gegenüber Präsentationen. Zu langweilig und inhaltsleer erscheinen sie ihnen. Powerpoint ist das Werkzeug des Teufels – also der BWLer und Marketingleute. Und zugegeben: wer wurde nicht schon bombardiert mit einem Slideshow-Fiasko gefüllt mit Diagrammen und Bullshit-Bingo?
Powerpoint und ähnliche Programme sind ureinst als Hilfsmittel entwickelt worden. Sie sollten Präsentationen unterstützen. Heute sind sie Selbstzweck. Präsentationen sind an sich ein sinnvolles Werkzeug, Wissen zu vermitteln, neue Erkenntnisse weiterzugeben. Doch welche Vorteile zieht das Publikum aus allzu vielen Vorträgen? Die Fähigkeit des Ertragens. Man lässt Präsentationen über sich ergehen. Man durchlebt sie. Man überlebt sie.
Woran liegt dies? Der Fokus ist verloren gegangen. Es geht nicht mehr darum, dem jeweiligen Publikum die entsprechenden Informationen zu vermitteln. Es ist zu einer Last für das Publikum aber auch für den Vortragenden geworden.
Ein Beispiel aus dem Leben
Nehmen wir ein Beispiel: ein Softwarearchitekt, nennen wir ihn Tom, soll dem Management die Vorteile und Kernideen der Unternehmensrichtlinien für neue Softwarearchitekturen vorstellen. Toms erste Reaktion: “Oh, Gott, was habe ich falsch gemacht? Warum ich?” Der nächste Schritt: er startet das Präsentationstool seiner Wahl. Er nimmt sich eine Vorlage und wird von einem Bulletpoint begrüßt. Bulletpoints lächeln ihn an. Sie fordern ihn regelrecht auf, Text zu schreiben, die Seite zu füllen. Und genau das macht er. Schnell wird die Seite zu voll. Kein Problem. Die Schriftart wird verkleinert.
Das Ergebnis:
Tom klopft sich auf die Schulter. Ein guter Start. Die Inhalte der ersten Folie stehen fest. Optimierung, Orientierung, Total Cost of Ownership. Natürlich würde Tom die Begriffe im normalen Leben nicht benutzen. Aber das ist Management. Die wollen so etwas lesen. Gezwirbelte, gegen den Strich gebürstete sinnverlorene Wörter. Aber auch Tom ist klar: so ist die Folie zu dröge. Da muss doch noch Platz sein für ein griffiges Diagramm. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
Perfekt. Die Präsentation hat nun Farbe, Stil und viel Text.
Und insbesondere der letzte Punkt ist entscheidend: nicht nur zeigt diese Folie dem Management, wieviel Arbeit Tom in die Präsentation gesteckt hat. Nein, die Ansammlung an Bulletpoints hat den Vorteil: er muss den Text einfach nur vorlesen. Das senkt die Aufregung und die Gefahr, im Ozean der Informationen zu ertrinken. Die Bulletpoints werden zu sicheren Brücke. Auf allen 45 Folien, die Tom in dieser Art vorbereitet.
Mit diesem präsentationstechnischen Rückgrat macht er sich auf zu dem Termin. Nach einer Stunde hat er seinen Vortrag beendet und ist erfreut, dass bei der obligatorischen “Q&A”-Runde (dem Fragezeichen, Sie wissen schon) keine Rückfragen kommen. Puh, geschafft. Es ist überstanden.
Die Reaktion des Publikums war zwar verhalten, aber das muss so sein, rechtfertigt sich Tom.
Ist dies aber wirklich ein Erfolg? Ist eine Präsentation schon gut, wenn die Zuschauer nicht eingeschlafen sind? Wahrscheinlich macht das Management drei Kreuze keinen “Weirdo” aus der IT-Abteilung für eine längere Zeit sehen zu müssen.
Paradigmenwechsel
Wichtig ist das Publikum. Die Zuhörer sind der Schlüssel zum Erfolg eines Vortrags.
Daher:
- wer sind meine Zuhörer?
- welche Informationen müssen sie von mir erhalten?
Die Informationen müssen auf die Zielgruppe zugeschnitten sein. Das betrifft weniger die Form und die Tonalität des Vortrags als vielmehr Inhalt und Umfang. Man muss die Zuhörer auf dem Informationslevel abholen, auf dem sie sind. Und sich in ihre Lage versetzen. In welchem Detailgrad kann ich mein Wissen vermitteln?
Aber auch die Form und die Darstellung der Präsentation darf nicht außer Acht gelassen werden. Was passiert, wenn eine Abfolge von Bulletpoint-Listen per Projektor an die Wand geworfen wird? Wenn Sie nicht dagegen ankämpfen, werden Sie als Zuhörer unwillkürlich den Vortragenden für eine gewisse Zeit ausblenden und sich die Folie anschauen, die einzelnen aufgeführten Punkte vorab verarbeiten. Stellen Sie dann nach ein paar Slides fest, dass der Präsentierende eh genau die Punkte abstottert, die Sie schon gelesen haben, ruft Orpheus sanft zu ihnen herüber, gefälligst die Zeit für einen kleinen Mittagsschlaf zu nutzen.
Nehmen wir an, die oben beschriebenen Folien würden inhaltlich passen. Dann könnte man die Inhalte dort für ein Handout nutzen. Als Mitbringsel für die Zuhörer, um im Detail die Präsentation noch einmal nach zu verfolgen. Aber die Folien sind keine Präsentation. Sie sind nur eine Qual.
Geschichten
Erinnern Sie sich daran: Folien mit Powerpoint sind ein Hilfsmittel. Sie sind für sich genommen nicht der Vortrag. Sie sollen das, was Sie sagen unterstützen und nicht ersetzen.
Erzählen Sie eine Geschichte. Menschen sitzen seit Jahrtausenden an Lagerfeuern und erzählen Geschichten. Versuchen Sie genau das auch mit Ihren Präsentationen. Die Folien liefern Emotionen und untermalen den Vortrag. Sie lockern auf und geben visuelle Impulse. Im Mittelpunkt jedoch steht der Informationsfluss. Sie als Vortragender geben und lenken diesen. Lassen Sie sich also nicht von den Folien treiben.
Folien
Dementsprechend sollten Folien karg sein. Arbeiten Sie mit Bildern, vielleicht auch mit Videos. Sparen Sie am Text. Den Inhalt übermitteln nur Sie. Die Folien unterstützen Sie nur. Das bedeutet erstaunlicherweise: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Sie müssen eine Geschichte entwickeln und diese erzählen können. Machen Sie sich Notizen. Aber lernen Sie soviel wie möglich auswendig.
Verwenden Sie bei Bildern niemals klassische Cliparts. Oder nutzen Sie einen Overhead-Projektor? Nehmen Sie gute, interessante Bilder in hoher Auflösung. Entsprechende Stock-Libraries bieten mittlerweile phantastische Photos zu günstigen Preisen.
Fluss
Die klassischen Formen der Präsentationsstruktur bleiben erhalten:
- Problem -> Lösung
- Chronologie
- Klimax
- Überblick -> Detail
- …
Das Publikum muss durch die Struktur im Fluss mitgezogen werden.
Ein paar Vorschläge
Was bedeutet aber all das für Entwickler?
Auch als Entwickler muss man lernen, sich und seine Ideen verkaufen zu können. Nichts anderes ist häufig eine Präsentation. Gute Ideen allein reichen nicht aus. Allzu häufig ist man von Entscheidungen anderer abhängig. Also gilt es, diese zu überzeugen. Das ist nicht perfide, sondern logisch. Macht man es nicht, gewinnen am Ende schlechtere Vorschläge; man triumphiert höchstens klammheimlich im stillen Kämmerlein ob der Dummheit des Managements. Tatsächlich aber war man selbst zu dumm, um sich durchzusetzen. Daran müssen viele Entwickler arbeiten. Lernen, ihre Vorschläge verständlich zu machen und Entscheidern zu präsentieren. So schön es auch wäre, wenn die richtigen Ideen sich automatisch durchsetzen würden, so tickt die Welt nicht.
Weiterführende Links
- Garr Reynolds “Presentation Zen“
- Nancy Duarte - slide:ology
- Stockphotos von iStockphoto.com
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